Heute soll hier – zum wiederholten Male – des 20. Juli 1944 gedacht werden, jener gescheiterten Verschwörung von Angehörigen der traditionellen preußisch-deutschen militärischen Eliten mit dem Ziel, den Reichskanzler Adolf Hitler zu ermorden und ein autoritäres Regime zu errichten, das möglichst große Teile der deutschen Kriegseroberungen sichern und die Beseitigung der Grundlagen des deutschen Militarismus und die Schaffung der Möglichkeit demokratischer Entwicklungen in Deutschland verhindern sollte.Dass es sich bei den Attentätern vom 20. Juli 1944 und den meisten in ihre Pläne Eingeweihten keineswegs um Widerstandskämpfer gegen Vernichtungskrieg und Unterdrückung gehandelt hat wird offensichtlich, wenn man fast genau einen Monat zurückblickt. Am 22. Juni jährte sich der deutsche Überfall auf die Sowjetunion zum 70. Mal. Männer wie Tresckow, Stauffenberg, Schulenburg u.a. haben diesen Eroberungs- und Vernichtungskrieg geplant, vorbereitet und geführt. Die Ermordung von Millionen von Slawen und JüdInnen, die Ausrottung der osteuropäischen Intelligenz und die Versklavung der Überlebenden war ihnen nicht nur bekannt, nein sie wurde von ihnen, z.B. mit der Umsetzung des sog. „Kommissarbefehls“, selbst tatkräftig betrieben und oft genug ausdrücklich begrüßt. Während Johann Georg Elser erkannte, dass er den Führer der Deutschen töten müsse, um einen Krieg, wie er schrecklicher noch nie geführt wurde, zu verhindern, entwickelten die „Männer des 20. Juli“ Aufmarsch- und Operationspläne für diesen Krieg. Zur gleichen Zeit, da deutsche AntifaschistInnen in Konzentrationslager verschleppt und gequält wurden, begrüßten sie das Ende des „Weimarer Chaos“, die Zerschlagung der Demokratie. Als die „Endlösung der Judenfrage“ vorbereitet wurde, zeigten sie sich angewidert von der Existenz der jüdischen Bevölkerung in Osteuropa. Gegen den verzweifelten Kampf der PartisanInnen in den Wäldern Weißrusslands, im französischen Maquis und in den Bergen des Balkan um das Überleben der von den deutschen Herrenmenschen zur Vernichtung Auserkorenen führten sie einen Krieg der verbrannten Erde. Erst als absehbar war, dass die Armeen der Antihitler-Koalition nach Deutschland vorstoßen und das 3. Reich zerschlagen würden und sie fürchten mussten dass sie damit ihrer gesellschaftlichen Positionen und traditionellen Privilegien verlustig gehen würden, entschlossen sich Stauffenberg und Co. zum Attentat. Dieses scheiterte, nicht weil jene, die zuvor ganz Europa in Schutt und Asche gelegt hatten und Millionen ermorden ließen, zu blöd waren, einen einzelnen Mann zu töten. Der Umsturz scheiterte, weil sie das „Unternehmen Walküre“ nur als Täuschungsmanöver planten, weil sie sich nicht trauten, einen Aufstand und nicht nur eine Verschwörung zu organisieren, weil sie Angst vor einem neuen November 1918 hatten, weil ihnen die Demokratie noch verhasster war als die Diktatur der NSDAP. Der Wiederaufbau der Garnisonkirche ist schwieriger zu legitimieren, als zum Beispiel der des Stadtschlosses. Handelte es sich doch hier nicht nur um ein Monument der preußischen Militäraristokratie und ihrer religiösen Gebräuche, sondern vor allem um den Ort, an dem die traditionellen preußisch-deutschen Eliten am „Tag von Potsdam“ ihr Bündnis mit der NSDAP und die Machtübergabe an diese öffentlich besiegelten. Das Vorhaben des Wiederaufbaus der Garnisonkirche war und ist deshalb mit dem Verdacht konfrontiert, dass es sich hier um ein Projekt verbohrter alter Nazis handele (wofür die Traditionsgemeinschaft „Potsdamer Glockenspiel“ aus Iserlohn, auf die das Wiederaufbauvorhaben ursprünglich zurückgeht, auch alles tat, z.B. mit ihrem Eintreten für ein Deutschland in den Grenzen von 1937). Aus diesem Grunde wurde das Projekt des Wiederaufbaus lange als „Versöhnungskirche“ bezeichnet, wurde behauptet, dass man hier einen Ort schaffen wolle, an dem die Kriegsgegner der Vergangenheit um einer gemeinsamen Zukunft willen im Gebet zusammenkommen könnten. Doch trotz aller Propaganda, trotz massiver staatlicher Anschubfinanzierung und Unterstützung will die Spendensammlung für die Garnisonkirche nicht vom Fleck kommen. Auch wenn sie nicht verstehen warum, so wird doch den Betreibern des Wideraufbaus der Garnisonkirche klar, dass es eine von den Mördern dekretierte Versöhnung mit den Opfern nicht geben kann. Geld für den Wiederaufbau kommt, sofern es nicht öffentliche Gelder sind, nur von Menschen, die sich ideologisch dem vor- und undemokratischen Preußentum verbunden fühlen. Das von der Traditionsgemeinschaft gesammelte Geld steht für den Wiederaufbau nicht zur Verfügung und andere Geldquellen ließen sich bisher nicht auftun. Und so lässt man Stück für Stück Versöhnung und internationale Begegnung fallen, und nähert sich wieder jenen an, die hier ungebrochen eine Weihestätte des Militarismus und Preußentums wiedererrichten wollen. Mit der kürzlich vorgenommenen Einweihung der temporären Kapelle am Standort der Garnisonkirche, in deren Zentrum ein preußischer Feldaltar steht, wurde klar, wohin die Reise gehen soll: Nein, die Garnisonkirche soll kein Ort der NS-Nostalgie und des Hitlerkultes werden. Sie soll der Verehrung einer idealisierten autoritären, militaristischen preußisch-deutschen Vergangenheit dienen, einer Vergangenheit, in der zwar die Grundlagen für das 3. Reich gelegt wurden, die von diesem jedoch selbst unterschieden werden muss. Einer Vergangenheit, die von den Antisemiten und Kriegsverbrechern, den „Männern des 20. Juli 1944“, symbolisiert werden soll. Und dies ist für uns heute und in Zukunft Anlass genug, laut und deutlich zu sagen: NEIN! MIT UNS NICHT! DIESE PLÄNE STÖREN WIR GERNE!
Potsdam, den 20. Juli 2011
Bündnis Madstop
P.S. Wir kommen wieder!