Am 9.November 2006 weiht die Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche e.V. eine „Versöhnungskapelle“ in der Ausstellung über die Potsdamer Garnisonkirche ein. Nicht ganz ohne Hintergedanken fiel die Wahl der InitiatorInnen auf eben dieses Datum und die Errichtung einer christlichen Andachtsstätte in Verbindung mit der Terminologie „Versöhnung“. Denn obwohl am 9. November vor 68 Jahren der deutsche Mob in der „Reichskristallnacht“ seinen antisemitischen Wahnvorstellungen freien Lauf ließ, feiern die Preußenliebhaber am 9. November wieder selbstbewusst und „zu Recht“ die Versöhnung mit der eigenen Geschichte und mit all jenen, die sie sich als Objekte der Versöhnung ausgesucht haben. Propagiert werden nebenbei die Rückkehr zu den preußischen Tugenden und die positive Bezugnahme auf Aspekte des vermeintlich toleranten Preußens, heute Brandenburgs, und deren Überführung in die Gegenwart. Disziplin, Sauberkeit und (Kadaver-)Gehorsam waren und sind aber keine Tugenden, sondern sie dienten in Preußen als eine Art Herrenmenschenideologie zuallererst der Klassifizierung der Untertanen des Militärstaates anhand von Tauglichkeit und Verwertbarkeit und zum Ausschluss der vermeintlich Anderen. Tolerant war Preußen folglich nur gegenüber Menschen, die des Königs Gnade besaßen oder sich diese erkaufen konnten und die dem Staat einen ökonomischen Nutzen boten. Die jüdische Bevölkerung war in Preußen solange akzeptiert, wie sie in der Lage war Schutzgelder zu bezahlen und sich den Berufs- und Siedlungsverboten fügte- die so genannten Betteljuden wies der tolerante Staat einfach aus. Versöhnung bedeutet immer, dass der der Unrecht getan hat seine Schuld anerkennt, den ersten Schritt auf den Gescholtenen zu macht und in reflektierender Sprache darum bittet, dass das vorherige „gute“ Verhältnis wieder hergestellt wird. Im wiedervereinten Deutschland spielt es aber scheinbar keine Rolle, ob die Zielobjekte des deutschen Versöhnungswahns überhaupt willens sind- deutsche Politik war schon zu oft total und umfassend, die Politik der Versöhnung ist es auch und kommt dabei aber nicht über eine bloße Versöhnungsrhetorik hinaus, sondern verharrt als Makulatur. In der Verwandlung der TäterInnen zu Versöhnungsfordernden, begierend nach Lobesworten, die ihre neuerlich geschichtspolitische Festigung, demokratische Wandlung und weltpolitische Verantwortung als Abkehr von Auschwitz huldigen, entblößt sich vielmehr nur die fanatische Maske der Ewiggestrigen. Nicht „dieses“ Preußen sei es gewesen, dass Hitler zum Reichskanzler erhob, denn dies baute ja immerhin auf einer humanistischen und fortschrittlichen Tradition auf. Damit erscheint es dann natürlich auch legitim, Hitler die Alleinschuld für den Zweiten Weltkrieg zu geben und die Deutschen als fehlgeleitete Schafherde zu sehen, die ihre Unschuld heute in Form einer Versöhnungskapelle zementiert. Am 9. November feiert man mit jenen, mit denen man einen Status Quo erreicht hat und die es aufgegeben haben, sich gegen das deutsche Weinen um die Toten der alliierten Angriffe und die schönen zerbombten deutschen Städte zu wehren. Die Versöhnung mit ihnen wurde möglich durch die Inszenierung der christlichen Ethik und Religion als „Völkerverständigendes“ Bindeglied und verbindende Tradition, im Konglomerat mit unmittelbaren politischen Vorteilen und der Gewissheit, dass die anzuerkennende Schuld weitaus weniger tiefgreifend und ohne finanzielle Folgen für Deutschland ist. Das Schuldbekenntnis war nicht geeignet die neue, alte nationale Identitätskonstruktion zu Fall zu bringen, sondern zog einen historischen Schlussstrich.
Massenmord, Vernichtung durch Arbeit, Zwangsarbeit, Quälereien und Demütigungen entziehen sich jedoch dem Versöhnungsbegriff. Es wäre vermessen z.B. jüdische Menschen, ehemalige ZwangsarbeiterInnen, Verfolgte aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Sinti und Roma mit diesem Ansinnen zu konfrontieren, da dies einer Relativierung und Negierung der deutschen Verbrechen gleich kommt. Weiterhin würde mit dem Versöhnungsritus verwischt, dass in Deutschland nicht Toleranz und Akzeptanz, sondern Ausschluss und Diffamierung durch die Mehrheitsgesellschaft eine jahrhundertealte Tradition besitzen. Eben dieser Konstruktion und Instrumentalisierung verweigern sich die Verfolgten, nicht nur des Nationalsozialismus, aus gutem Grund: Sie sollen mundtot gemacht werden. Der viel gepriesene Entschädigungsfond ist als eine erneute Demütigungsmaschinerie konzipiert- die AntragstellerInnen sind verpflichtet einen „Opferbeweis“ für ein paar lächerliche deutsche Almosen zu erbringen. Und damit können sie sich dann sogar noch zu den vermeintlich Privilegierten unter den Verfolgten des Nationalsozialismus zählen, andere Menschen werden so behandelt, als hätte es sie und ihre Leiden nie gegeben.
Wir werden es nicht akzeptieren, dass am an einem Ort Versöhnung gefeiert wird, an dem am 21. März 1933 schon einmal das Wort Versöhnung unzweideutig fiel - „die Versöhnung des preußischen Geistes mit der neuen Bewegung” – inszeniert von Joseph Goebbels und mit Reichskanzler Adolf Hitler in der Hauptrolle.
Wir gedenken am 9. November deshalb all jenen, die nicht in das deutsche Konzept der Aufarbeitung der Geschichte passen! Wir gedenken allen Opfern des deutschen Größenwahns - Ihnen gilt unserer Engagement.
Nie wieder Preussen! Nie wieder Deutschland! Und für den Kommunismus!
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